Wer je eine Website gebaut, eine Seite gestaltet oder eine Schriftart gewählt hat, ist vermutlich auf Lorem Ipsum gestoßen — jenen pseudo-lateinischen Text, der Layouts füllt, bevor der echte Inhalt eintrifft. Es ist kein zufälliges Kauderwelsch. Es ist ein absichtlich verstümmelter Auszug aus einem 2000 Jahre alten Philosophiebuch — und zu verstehen, warum er fortbesteht, sagt etwas über das Handwerk der Typografie.

Der Ursprungstext

Die Standard-Lorem-Ipsum-Passage stammt aus den Abschnitten 1.10.32 und 1.10.33 von De Finibus Bonorum et Malorum („Über die Grenzen von Gut und Böse"), geschrieben von Marcus Tullius Cicero 45 v. Chr. Das Original ist zusammenhängende lateinische Prosa über Lust, Schmerz und das Wesen des Guten. Die Platzhalter-Version ist derselbe Text mit durcheinander gewürfelten Wörtern, weggelassenen Silben und neu zusammengesetztem Anfang, sodass er als Pseudo-Latein und nicht als echtes Latein erscheint.

Wie es zum Standard wurde

Im 16. Jahrhundert nahm ein unbekannter Drucker — vermutlich an einem italienischen Schriftmuster-Band — Ciceros Text und verwüstete ihn, um Schriften zu zeigen, ohne dass Leser vom Inhalt abgelenkt würden. Die zerhackte Version wurde quer durch Europa immer wieder nachgedruckt und war bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts Standard-Platzhalter im Satz. Als Letraset in den 60ern das Abreibelettering einführte und die ersten digitalen Satzwerkzeuge folgten, lieferten sie Lorem Ipsum gleich mit. Aldus PageMaker erbte es. Jede Design-App seitdem hat es beibehalten.

Warum Designer es immer noch verwenden

Drei Gründe. Erstens: Die Buchstabenhäufigkeit liegt nah genug am realen Englisch und an westeuropäischen Sprachen, dass Schriften authentisch wirken — man kann eine Schrift beurteilen, ohne dass der Sinn echter Wörter das Auge ablenkt. Zweitens: Es füllt Raum, ohne zu Kommentaren einzuladen. Echter Text zieht Korrekturleser, Stakeholder und Scope Creep an; sinnfreier Text hält die Diskussion beim Design. Drittens: Es signalisiert deutlich „Platzhalter", sodass niemand es mit dem finalen Inhalt verwechselt. Dieses Signal fällt bei zufälligem Englisch oder echtem, willkürlichem Text schwerer.

Wann man es nicht einsetzt

Lorem Ipsum ist für zwei Arten von Arbeit schlecht. Usability-Tests: Teilnehmer reagieren anders auf Platzhalter als auf echten Inhalt; Designs, die mit Lorem Ipsum funktionieren, scheitern manchmal mit echter Copy. Nicht-lateinische Schriften: Lorem Ipsum sagt nichts darüber, wie sich eine Schrift in Arabisch, Chinesisch, Tamil oder Devanagari verhält — jede braucht ihren eigenen Platzhalter-Korpus. Und grundsätzlich: so früh wie möglich ersetzen; je länger Lorem Ipsum auf einer Seite steht, desto wahrscheinlicher wird es aus Versehen live geschaltet.

Platzhalter in der Muttersprache

Moderne Generatoren bieten Klartext-Alternativen in bestimmten Sprachen — typisches spanisches, französisches, deutsches oder portugiesisches Vokabular statt Latein. Nützlich, wenn man beurteilen will, wie Umlaute die Zeilenhöhe beeinflussen, oder wenn dem Kunden sinnfreies Latein mehr auffällt als sinnfreies Deutsch. Gleicher Hinweis: vor dem Launch ersetzen.